
WILD MIND - CREATIVE SOUL
Gedanken einer Frau, die sich nicht in Schubladen stecken lässt.
Kunst. Leben. Freiheit. Und alles dazwischen!
Wir müssen nicht so leben, wie andere es von uns erwarten. Wir dürfen uns verändern, widersprüchlich sein, älter werden, neu beginnen und unsere eigene Wirklichkeit erschaffen.
Unverschämt lebendig
Ab wann ist eine Frau eigentlich zu alt um unbequem zu sein?
Es gibt ein Alter, in dem Frauen offenbar eine unsichtbare Gebrauchsanweisung ausgehändigt bekommen.
Sei dankbar. Sei vernünftig. Sei gelassen. Sei nicht zu laut. Nicht zu auffällig. Nicht zu sexy. Nicht zu anspruchsvoll. Und vor allem: Mach dich nicht lächerlich.
Entschuldigung, wer hat diesen Unsinn eigentlich erfunden?
Ich frage mich manchmal, wann genau dieser Moment eintreten soll, in dem eine Frau beschließt, sich selbst ein bisschen zurückzunehmen, damit die Welt sich nicht an ihr stört.
Mit fünfzig? Mit sechzig? Wenn die ersten Falten kommen? Wenn die Haare grau werden? Oder wenn irgendein selbst ernannter Experte erklärt, was für unser Alter noch angemessen ist?
Ich habe Neuigkeiten: Ich habe nicht vor, angemessen zu altern.
Ich möchte lachen, bis mir die Tränen kommen. Ich möchte Dinge ausprobieren, die ich noch nie getan habe. Ich möchte Fehler machen dürfen, ohne dass jemand verständnisvoll murmelt: "In ihrem Alter …"
Ich möchte Kunst schaffen, die Fragen aufwirft. Bilder, die irritieren. Worte, die berühren. Und manchmal möchte ich einfach nur provozieren, weil mir diese ewige, glatt gebügelte Angepasstheit gehörig auf die Nerven geht.
Die Unsichtbarkeit beginnt nicht mit dem Alter. Sie beginnt mit dem Schweigen.
Unsere Gesellschaft liebt selbstbewusste Frauen. Zumindest theoretisch.
Solange sie jung, schön, erfolgreich und möglichst dekorativ sind.
Aber eine ältere Frau, die ihre Meinung sagt? Die Grenzen setzt? Die sich neu erfindet? Die nicht ständig um Erlaubnis fragt?
Die wird schnell unbequem.
Vielleicht, weil sie etwas besitzt, das sich nicht kaufen lässt: Erfahrung.
Sie hat geliebt und verloren. Ist gefallen und wieder aufgestanden. Hat Menschen vertraut, die es nicht verdient haben. Hat Entscheidungen getroffen, die sie bereut, und andere, die sie heute noch feiern würde.
Und irgendwann erkennt sie:
Ich muss niemandem mehr gefallen, um etwas wert zu sein.
Was für eine ungeheure Freiheit!
Ich bin kein Auslaufmodell. Ich bin ein Original.
Ich finde es faszinierend, dass wir alten Wein bewundern, antike Möbel verehren und historische Gebäude unter Denkmalschutz stellen.
Aber Frauen sollen möglichst aussehen, als hätten sie das Leben noch gar nicht richtig kennengelernt.
Wie absurd ist das eigentlich?
Jede Falte erzählt eine Geschichte. Nicht jede davon ist schön. Manche sind schmerzhaft. Andere voller Glück.
Aber sie gehören mir.
Und nein, ich habe nichts dagegen, mich schön zu machen. Ich liebe Ästhetik, Inszenierung, Farben, Verwandlung. Ich liebe es, mit meinem Äußeren zu spielen.
Nur möchte ich selbst entscheiden, wie ich aussehe.
Nicht die Modeindustrie. Nicht die Gesellschaft. Und schon gar nicht die Vorstellung irgendeines Mannes davon, wie eine Frau meines Alters zu sein hat.
Vielleicht ist das Verrückteste, was wir tun können, endlich wir selbst zu sein.
Als Künstlerin interessiert mich das, was hinter der sichtbaren Oberfläche liegt.
Die Brüche. Die Sehnsüchte. Die Widersprüche. Das Unausgesprochene.Vielleicht ist das auch der Grund, warum ich mich weigere, Menschen auf ihr Alter zu reduzieren.
Ich glaube nicht, dass wir mit den Jahren weniger werden.
Ich glaube, wir werden vielschichtiger.
Wilder vielleicht. Verletzlicher auch. Aber im besten Fall mutiger.
Und manchmal beginnt das aufregendste Kapitel eines Lebens genau dann, wenn andere glauben, die Geschichte sei längst erzählt.
Ich habe Ideen, die verwirklicht werden wollen. Bilder, die entstehen müssen. Gedanken, die ich aussprechen möchte.
Ich habe Lust auf Überraschungen. Auf Nähe. Auf Leidenschaft. Auf Veränderung.
Und ja, vielleicht auch darauf, gelegentlich völlig unvernünftig zu sein.
Denn was wäre die Alternative?
Brav auf dem Sofa sitzen und darauf warten, dass das Leben irgendwann höflich anklopft?
Nein, danke. Ich mache lieber selbst die Tür auf.
Und jetzt wird es ein bisschen unverschämt.Ich möchte Frauen ermutigen, sich nicht ständig kleiner zu machen.
Trag das verrückte Kleid. Lass deine Haare wachsen oder schneide sie ab. Verliebe dich. Fang noch einmal von vorne an. Sag Nein, ohne dich zu entschuldigen. Sag Ja, obwohl du Angst hast. Sei sinnlich. Sei klug. Sei widersprüchlich. Sei unbequem. Und wenn jemand sagt: "Dafür bist du aber schon ein bisschen zu alt", dann lächle. Nicht, weil du zustimmst. Sondern weil du längst verstanden hast, dass das Problem nicht dein Alter ist.Es ist die begrenzte Vorstellungskraft der anderen.
Ich weiß nicht, wie viele Jahre mir noch bleiben. Niemand weiß das.Aber eines weiß ich ganz sicher:
Ich möchte am Ende meines Lebens nicht sagen müssen: "Ich war immer vernünftig."
Ich möchte sagen können:
Ich habe gelebt. Ich habe geliebt. Ich habe gewagt. Und manchmal war ich eine echte Zumutung.
Wie wunderbar!
Denn vielleicht ist eine Frau erst dann wirklich frei, wenn sie aufhört, um Erlaubnis zu bitten, sie selbst zu sein.
Und um die Frage vom Anfang zu beantworten:
Wann ist eine Frau eigentlich zu alt, um unbequem zu sein?
Niemals.
Sie ist höchstens irgendwann zu klug, um sich noch bequem machen zu lassen.
Unverschämt lebendig.
Vanessa Thun-Hohenstein